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Korruptionsaffäre

VW-Vorstand soll Betriebsrat gekauft haben
Die Spitze des Wolfsburger Konzerns genehmigte angeblich Belege über Vergnügungen mit Dirnen.

von Hans Leyendecker

Die Affäre beim Autokonzern Volkswagen weitet sich aus. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung haben VW-Mitarbeiter für Geschäfte mit dem Wolfsburger Konzern ein Geflecht von sechs weltweit operierenden Tarnfirmen entwickelt.

Die Holding dieser Unternehmen, eine Firma namens Impesa S.A., sitzt im schweizerischen Neuchâtel. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft prüft, welche Summen auf Konten dieser Firmen übertragen wurden. Gleichzeitig besteht der Verdacht, dass sich der VW-Vorstand das Wohlwollen einzelner Betriebsräte durch das Bezahlen von Lustreisen erkauft hat.

Auslöser für die Enthüllungen ist nach SZ-Informationen eine eher kleine Personalie bei der Commerzbank AG. Ein Mitarbeiter des Geldhauses wurde im Frühsommer dieses Jahres entlassen, auf seinem Computer fand die Revisionsabteilung Vertragsentwürfe, die zu dem Wolfsburger Autokonzern führten.

Den Unterlagen war zu entnehmen, dass VW-Mitarbeiter als Strohmänner bei Geschäften mit dem eigenen Konzern bedacht werden sollten. Einer der Begünstigten war der frühere Vorstand der VW-Tochter Skoda, Helmut Schuster. Die Commerzbank leitete die Unterlagen an VW weiter, und fortan wurde Schuster, ein enger Vertrauter des VW-Personalvorstands Peter Hartz, von Detektiven beschattet.

Tarnfirmen in drei Kontinenten
Nach derzeitigem Stand der Recherchen bei VW soll Schuster Anfang 2001 gemeinsam mit anderen VW-Mitarbeitern wie dem früheren Betriebsratschef Klaus Volkert die Idee entwickelt haben, Firmen zu gründen, die sich um Aufträge bei VW oder bei Tochterunternehmen bemühten.

So wurde im Mai 2001 in Prag eine Firma F-BEL gegründet, an der Schuster und Volkert beteiligt gewesen sein sollen und die sich um einen Auftrag der VW-Tochter Skoda bemühte. Die Mutterfirma der F-BEL war ein Unternehmen namens Property Finance S.A. in Luxemburg, das wiederum mit Schuster verbandelt gewesen sein soll.

Nach SZ-Informationen setzte sich das Geflecht aus Tarnfirmen in Indien, Angola, Tschechien, Luxemburg und der Schweiz zusammen. „Man konnte nicht auf Anhieb erkennen, dass VW-Leute dahinter steckten“, sagt ein Wolfsburger Experte.

Drei VW-Mitarbeiter und drei Außenstehende, die mit der Volkswagen AG beispielsweise über Werbeverträge verbandelt waren, sollen an dem Konstrukt beteiligt gewesen sein. Einige von ihnen hielten - verdeckt - Anteile, andere, wie Volkert, sollten dann über die Impesa in der Schweiz an den Gewinnen beteiligt werden.

Nach bisherigen Recherchen der VW-Ermittler soll Schuster, der nach offizieller Darstellung auf eigenen Wunsch aus dem Unternehmen ausstieg, allein in Indien drei Millionen Euro kassiert haben, weil er einer Provinzregierung die Errichtung eines VW-Werkes versprochen haben soll. Einige Tarnfirmen sollen sich auch um lukrative Generalsverträge mit VW bemüht haben.

„VW wurde eigentlich nicht geschadet,“ sagt ein Insider in Wolfsburg. „Die VW-Leute, die heimlich diese Firmen gründeten, kannten den Markt und machten nur das, was alle versuchen.

Sie kannten sich nur besser aus.“ Nach den bisher vorliegenden Unterlagen haben die Akteure noch keine nennenswerten Gewinne erzielt. „Die erwarteten großen Geschäfte in Angola und Indien“, sagt der Insider, „wurden durch die frühzeitige Aufdeckung der Affäre vereitelt.“

Konzernchef Bernd Pieschetsrieder hat mittlerweile unter dem Druck der Ermittlungen Entscheidungen zum Bau einer Produktionsstätte in Indien und einer Montagstätte in Angola vorerst gestoppt.

Lustreisen nach Brasilien Politisch brisanter als die Firmenverflechtungen könnten die Ermittlungen im Bereich des Gesamtbetriebsratsausschusses sein. „Seit mehr als einem Jahrzehnt“, sagt ein Firmen-Insider, „wurde der Betriebsrat vom Vorstand gewissermaßen geschmiert.“

Teure Lustreisen des Betriebsrates nach Brasilien oder in andere Länder per Firmenjet seien vom Vorstand g enehmigt worden. Dazu habe „das Einfliegen von Luxus-Nutten gehört“.

Im Gegenzug seien Betriebsräte auffällig oft bereit gewesen, bei strittigen Entscheidungen auf Vorstandslinie zu argumentieren. „Der Fall kann die Arbeiterbewegung in die Luft sprengen“, sagt ein Insider.

So seien für Treffen mit Prostituierten so genannte Eigenbelege über Summen wie 30000 Euro gefertigt worden, die dann vom Vorstand abgesegnet worden seien. Hartz selber soll etliche Belege abgezeichnet haben.

Nach Informationen der IG Metall Wolfsburg ist Volkert abgetaucht. „Er ist auch für uns nicht zu erreichen“, sagte Willi Dörr aus der IG-Metall-Geschäftsstelle Wolfsburg, der SZ. „Wir wollen uns an Spekulationen nicht beteiligen, aber wir wollen schnelle und vollständige Aufklärung.“

Dabei stehe die IG Metall Wolfsburg ganz an der Seite des Volkert-Nachfolgers Osterloh. Die IG Metall fordere Volkert auf, umgehend zu den Anschuldigungen Stellung zu nehmen.

(SZ vom 05.07.2005)